Dem Computer vorlesen macht keine Angst

Niederländische Lehrerzeitschrift „Onderwijsblad“, Dez. 2017 
Text: Daniëlla van ’t Erve Bild: Angeliek de Jonge

Man hört englisches Stimmengewirr im Klassenzimmer. Die Schüler sitzen mit Headsets an Computern und sprechen leise in ihre Mikrofone. „Jeder Leser verdient einen Zuhörer,“ ist der Slogan von Reading Assistant, dem Programm mit dem Schüler selbstständig ihre Aussprache und Lesekompetenz verbessern.

Ein Online Coaching-Programm hilft Schülern, ihre Aussprache zu verbessern und englische Texte leichter zu verstehen. Lehrerin Lotte Pragt wünscht jedem Schüler einen derartigen Reading Assistant.

Lehrerin Lotte Pragt entdeckte das Programm beim Verlag Graviant auf der Nationalen Niederländischen Unterrichtsmesse. Letztes Jahr organisierte sie damit an der Berufsschule Metzo-College in Doetinchem (NL) ein Pilotprojekt und ist über das Ergebnis so enthusiastisch, dass sie ihre Erfahrungen teilen möchte. „Das wünsche ich wirklich jedem Schüler und jedem Lehrer.“ Denn zusammen vorlesen in der Klasse war vorher frustrierend. Sie erklärt: „Zusammen in der Klasse vorlesen bedeutet, die eine Hälfte kommt nicht mit und der anderen Hälfte ist langweilig.“

Individuell angepasster Unterricht im Klassenverband: „Great job!“

Reading Assistant macht Individualisierung möglich und bietet einen durchlaufenden Lehrplan von ersten Anfängen bis zum Spitzenniveau. Mit dem Programm lesen Schüler völlig selbstständig, in eigenem Tempo auf eigener Schwierigkeitsstufe. Nach einem Test, in dem das Niveau der Sprachkompetenz bestimmt wird, kann der Lernende aus verschiedenen E-Books eines auswählen und zuerst für sich selbst leise lesen. Worte, deren Aussprache er nicht kennt, kann er sich vorlesen lassen. Anschließend liest er den Text laut dem Computer vor. Durch hochentwickelte Sprachtechnologie erkennt das Online Programm, was der Schüler sagt und verbessert ihn, wenn nötig. Anschließend markiert das Programm den vorgelesenen Text entweder mit grün, was bedeutet „Great job“, oder blau, gleichbedeutend mit „Try again“ oder rot für „Needs work“. Durch das Beantworten von Fragen zum vorgelesenen Text wird danach noch überprüft, ob der Lernende den Text verstanden hat. „Die Schüler finden das Ganze total cool.“ berichtet Pragt. „Vorher gab es niemanden, der ihnen beim Vorlesen zuhörte, und jetzt werden sie zusätzlich noch direkt verbessert. Zu Hauses üben sie sogar mit dem Programm weiter. um an ihrer Aussprache zu feilen. Sie merken, dass sie Fortschritte machen, und das motiviert sie enorm. Außerdem ist es jetzt auch nicht mehr so schlimm wenn man stottert oder zögert, denn es ist ja niemand da, der sich über einen lustig machen könnte. Ich sehe, wie das Selbstvertrauen der Schüler auf diese Art wächst.“ Natürlich müssen die Schüler erst einmal lernen, mit dem Programm zurecht zu kommen. „Ich erkläre ihnen: ‚Tue einfach so, als müsstest du meiner dreijährigen Tochter etwas vorlesen. Dann wirst du natürlich langsam und deutlich sprechen, sonst kann sie nicht folgen. So funktioniert es auch am Computer.‘ Wenn die Schüler das begriffen haben, dann klappt es.“

Bemerkenswert

Um Unterstützung für die Investition in das Programm zu bekommen, lud sie den Direktor ihrer Schule in ihre Berufsschulklasse für Metallarbeiter ein. „Ein Junge meldete sich und sagte ‚Herr Direktor, vor zwei Wochen konnte ich noch nichts vorlesen, aber wenn sie möchten, lese ich Ihnen nun dieses Büchlein hier vor. Ich kann das jetzt und ich traue mich auch.‘ Das überzeugte unseren Schuldirektor,“ berichtet Pragt. „Die Veränderung ist wirklich bemerkenswert. Vorher betrachteten die Schüler Vorlesen als eine Art Strafe und jetzt machen sie sogar zu Hause weiter. Mit dem Programm macht Vorlesen Spaß.“

Stottern ist nicht schlimm, niemand lacht dich aus.

Seit diesem Schuljahr arbeiten in ihrer Schule alle Lehrer des Fachbereichs Englisch mit Reading Assistant. Die Reaktionen der Kollegen sind positiv. „Meine Kollegen sehen, dass die Schüler Fortschritte machen, und das motiviert auch die Lehrer. Natürlich wissen wir erst nach den Prüfungen, was das Programm tatsächlich bewirkt, also müssen wir da noch abwarten. Aber nach den vier Wochen, in denen ich letztes Jahr das Pilotprojekt machte, gingen die Schüler voller Selbstvertrauen in die Prüfungen. Damit ist schon die Hälfte unserer Arbeit gewonnen.“ Nein, Prozente für den Verkauf des Programms bekäme sie nicht, sagt sie lachend, doch über ein Sache, die so gut funktioniert, möchte man anderen gerne berichten, findet sie. Für Schulen kostet die teuerste Lizenz 7000 Euro pro Jahr. „Das ist natürlich schon eine Ausgabe, aber pro Schüler geht es dann doch nur um ein paar Euro. Und wenn man sieht, was man damit erreicht, wie viel Arbeit man sich erspart, weil man die Defizite einzelner nicht ständig im Auge zu halten braucht und auch nicht auf die Schwierigkeiten einzelner vor der ganzen Klasse eingehen muss, dann ist es die Sache mehr als wert.

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